Es war auf einer Alpe

Im Rahmen unserer Feldforschung rund um St. Gallen konnten wir nicht nur Jäger- und Almlieder, Liebes- und Scherzlieder und viele Jodler aufzeichnen, sondern auch eine schauerliche Moritat über ein tatsächlich stattgefundenes Verbrechen in der Region.

Die Moritat geht zurück auf den Mord an der erst 15-jährigen Halterin Anna Kerschbaumsteiner am 12. Juni 1924 auf der Reiflingbauernalm in Kleinreifling in der oberösterreichischen Gemeinde Weyer (Bezirk Steyr). Für das Mädchen, das die Schwoagerin Aloisia Auer begleitete, war es der erste Sommer auf der Alm.

Anna war an besagtem Tag allein in der Hütte, da Aloisia das Vieh am Wiesenschopf zählte. Ihr Juchzer hinunter zur Alm blieb unbeantwortet, was Loisl zuerst nicht verwunderte, da sie die Halterin beim Ausmisten des Stalles vermutete. Zusehends beunruhigt, machte sie sich auf den Rückweg und hörte unterwegs Schreie. Vermeinte sie noch beim Ersten, einen seltsamen Vogel gehört zu haben, realisierte sie beim Zweiten, dass ihre junge Kollegin geschrien hatte, dachte zuerst aber an einen Unfall. Bei der Hütte angekommen, fand sie das Mädchen mit weit aufgerissenen Augen und durchschnittener Kehle vor dem Herd in einer riesigen Blutlache liegend. Die Gendarmerie stellte ein Sexualdelikt fest, zudem waren Eier, Butter, Fleisch und Brot gestohlen worden.

Ein Jäger hatte in der Nähe eine sich auffällig verhaltende Person in einem grauen Gummimantel beobachtet, was den Verdacht zuerst auf einen 30-Jährigen lenkte, der, als Dieb verurteilt, am 3. Juni aus der Strafanstalt Garsten entflohen war. Auer erzählte dann aber von Vinzenz Schachner aus Uttendorf im Pinzgau, der als Holzknecht in Kleinreifling beschäftigt war. Er verehrte Kerschbaumsteiner und hatte sie mehrmals auf der Alm besucht. Da bei seiner Vernehmung das gestohlene Fleisch in seinem Rucksack gefunden wurde, konnte er des Mordes überführt werden. Die Halterin hatte sich angeblich vor seiner krankhaften Liebe gefürchtet, außerdem soll er sie einmal im alkoholisierten Zustand im Falle der Zurückweisung mit dem Umbringen bedroht haben. In der Steyrer Zeitung vom 22. Juni war aus Anlass von Annas Beerdigung zu lesen: „Das tragische Ende des einer ruchlosen Mörderhand zum Opfer gefallenen jungen, braven Mädchens erweckte allgemeine herzliche Anteilnahme.“

Die grausame Tat wurde bald darauf im „Reiflinger-“, „Reiflingalm-“ oder „Reiflingbauernalm-Lied“ verarbeitet. Die Melodie dazu ist ein einfacher, 16-taktiger Halbe-Viertel-Walzer, wie er oft bei volkstümlichen Liedern zu finden ist. Wir zeichneten das Lied im April 2018 bei Margarethe Baumann (*1938) wie auch Maria Danner (*1951) auf, die beide in Palfau beheimatet sind. Diese Version findet sich im Liederblatt „In da grean Buachau håb i im Tål koa Ruah“ – Lieder und Jodler aus der Feldforschung rund um St. Gallen.

Text: Eva Maria Hois

Dieses „G’schichtl“ ist ein Auszug aus der gleichnamigen Liedergeschichte von Eva Maria Hois aus dem Vierzeiler, der Vereinszeitschrift des Steirischen Volksliedwerks (Ausgabe 3/2019).

Reiflinger Lied – Auszug aus dem im Text erwähnten Liederblatt „In da grean Buachau …“ © Steirisches Volksliedwerk