Von der Bauernstube auf die Bühne

Ein volksmusikalischer Erfahrungsbericht

Die Familienmusik war oftmals die Grundlage für ein ausgefülltes Musikantenleben. Bei diesem Punkt kann ich sehr gut aus eigener Erfahrung sprechen. Es war im Jahre 1943, als sich meine Großeltern am Schobererhof ansiedelten. Inmitten von schlichtem Hab und Gut, welches sich auf einem alten Leiterwagen befand, war auch eine alte steirische Harmonika eingebettet. Mit diesem Instrument, welches mein Großvater mit Hingabe spielte, brachte er nicht nur alte Ländler aus dem Mürztal sondern auch eine enorme Musikalität in unsere Familie. Die schlichte alte Bauernstube wurde immer öfter zu einem ganz kleinen Konzertsaal, wenn im Familienkreis gespielt, gesungen, getanzt und gefeiert wurde. Oft stelle ich mir vor, wie es wäre, wenn diese alten Mauern und Balken reden könnten – es würden wunderschöne Geschichten daraus entstehen! Dies alles war wohl der beste Nährboden, der maßgeblich zur Gründung unserer eigenen Stubenmusi beigetragen hat.

Irgendwann wurde die Stube zu einer Gaststube, Gäste und Volksmusikliebhaber gaben sich immer öfter die Türklinke in die Hand und verbreiteten sehr bald die Kunde, dass hier sehr viel volkskulturelles Potential vorhanden sei. So kam die Zeit, dass unsere Stubenmusi gemeinsam mit dem Familiengesang langsam aus der Gaststube auszog. Es vollzog sich dadurch ein Wandel von der heimeligen Hausmusik hin zur konzertanten Bühnenmusik. Dieser Punkt war auch die Ursache für eine gewisse Spaltung innerhalb der Volksmusik. Volksmusikanten auf großen Bühnen wurden zur „Elite“, kleinere unbekannte Gruppen wurden dadurch gehemmt und zogen sich ins Kämmerlein zurück. Oft geschieht es zufällig, dass man bei bestimmten Anlässen auf sehr hohes musikalisches Können stößt, das einen fast dazu verpflichtet, es zu fördern.

Die Haus- und Stubenmusi, welche sich über Jahrzehnte gehalten hat, ist heute selten geworden. Vielleicht herrscht zurzeit auch eine gewisse Dominanz der guten und starken Tanzlmusikanten, welche landauf und landab das Publikum begeistern. Jetzt, wo die Tage wieder kürzer und die Abende länger werden, könnte ich mir aber ganz gut vorstellen, dass eine gepflegte Stubenmusi genau den richtigen Punkt in meinem Musikantenherz zu treffen vermag!

Text: Ernst Zwanzleitner

Dieses „G‘schichtl“ ist eine gekürzte Version des gleichnamigen Artikels aus dem Vierzeiler 4/2018  und stammt von Ernst Zwanzleitner, der am 7.11.2019 völlig unerwartet von uns ging. Wir vom Steirischen Volksliedwerk verabschieden uns mit einer tiefen Verneigung und danken Ernst Zwanzleitner für ein Leben im Zeichen der Volkskultur.

Die Familienmusik Zwanzleitner zu Gast in Heinz Conrads‘ Sendung „Was gibt es Neues?“. © Familie Zwanzleitner